Coronapandemie und Beeinträchtigung.

Erstellt am:30.6.2021

Wie wirkt sich die Coronapandemie auf Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung aus? Eva Mühlethaler und Jan Habegger von insieme Schweiz erklären in unserem Interview, was ein Lockdown mit den Betroffenen macht und welche Strategien heute angezeigt sind.

Wie nehmen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung die Situation generell wahr?

Jan Habegger (JH): Das ist ganz unterschiedlich. Je nach Lebenssituation stehen Menschen mit geistiger Beeinträchtigung vor verschiedenen Herausforderungen und je nach Beeinträchtigungsgrad sind sie besser oder weniger gut in der Lage, mit dieser herausfordernden Situation umzugehen. Wie generell für viele Personen kann es schwierig sein, sich mit der neuen Lebenssituation zurecht zu finden: Es fehlen soziale Kontakte und Aktivitäten, die Tagesstruktur ändert sich, man weiss nicht, wie es weitergeht.

Eva Mühlethaler (EM): Ich kann in diesem Zusammenhang auf den Erfahrungsbericht einer Arbeitskollegin hinweisen, welcher im insieme Magazin vom März 2021 erschienen ist. Diese Kollegin erlebte es als besonders belastend, dass sie im Frühling 2020 ihren Mann während rund zwei Monaten nicht treffen konnte, da er in einem Wohnangebot in einem anderen Kanton lebt. Der Artikel ist abrufbar unter:

https://insieme.ch/wp-inside/uploads/2021/05/13_corona-erfahrungsbericht.pdf

Bei der Fachstelle Lebensräume konnten wir in den letzten 14 Monaten nur ein paar Beratungsanfragen von Personen mit kognitiver Beeinträchtigung oder ihren Angehörigen verzeichnen, bei denen es explizit um Fragen im Umgang mit der Pandemie oder den Massnahmen ging. Wir stellten jedoch im Rahmen von anderen Beratungen fest, dass sich die Schutzmassnahmen verschärfend auf bereits bestehende Herausforderungen, Probleme und Konflikte auswirken können. So beobachteten wir, dass insbesondere die Veränderungen oder der zeitweilige Wegfall der gewohnten Tagesstruktur bei einigen Betroffenen zu psychischen Krisen führte. Hier war und ist es wichtig, dass das Umfeld aufmerksam für Verhaltensveränderungen (wie z.B. vermehrter Rückzug, selbstverletzendes Verhalten, etc.) bleibt.

Welche Auswirkungen haben oder hatten die Einschränkungen auf die Bewohner*innen?

JH: Es gelten von Kanton zu Kanton unterschiedliche Einschränkungen. Teilweise, aber zum Glück immer seltener, auch noch restriktive Besuchsregelungen, welche es erschweren oder gar verunmöglichen, Familie und Freunde zu treffen.

EM: Ich vermute, dass es für einige Bewohner*innen aktuell eine besondere Herausforderung darstellen kann zu verstehen, dass gewisse Schutzmassnahmen trotz Impfung weiterhin bestehen. Hier gilt sicher, auch weiterhin Informationen zu den Schutzmassnahmen aber auch zu den Lockerungen individuell und adäquat zu kommunizieren. Gleichzeitig bleiben ein offenes Ohr und Verständnis für Verunsicherung oder Frustration über bestehende Einschränkungen wichtig und hilfreich.     

Wird uns Corona in Sachen Teilhabe und Selbstbestimmung wieder «Zurück auf Feld eins» führen?

JH: Für Bewohner*innen von Institutionen haben der erste Lockdown und auch die Schutzmassnahmen über den Winter klar zu weniger Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten geführt. Es ist jetzt unser aller Auftrag, zu verhindern, dass wir wieder auf «Feld eins» bei Teilhabe und Selbstbestimmung landen. Und auch, dass die Corona-Massnahmen für einen allfälligen Rückschritt als Grund vorgeschoben werden.

Der Spielraum für selbstbestimmte Entscheidungen wurde aufgrund der Corona-Massnahmen kleiner, man konnte nicht mehr einfach in den Freizeitclub oder ins Café. Aber er bleibt vorhanden. Welche Freizeitbeschäftigungen tun mir gut? Spaziergang oder Spiele spielen? Wie soll mein Tagesablauf aussehen und um welche Zeit stehe ich auf? Corona hat Teilhabe und Selbstbestimmung nicht einfacher gemacht, aber nicht verunmöglicht.    

EM: Wichtig scheint mir, dass dieser bestehende Spielraum nun ganz bewusst genutzt und gestaltet wird und wenn möglich ein besonderes Gewicht und Augenmerk erhält.

Gibt es auch positive Auswirkungen? Es gerät ja zunehmend auch die Entschleunigung des Alltags in den Blick. Ist das bei Dienstleistern für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung auch der Fall?

EM: Menschen mit geistiger Beeinträchtigung kann die genannte Entschleunigung durchaus entgegenkommen, da sie Raum gibt, um dem individuellen, teilweise verlangsamten Tempo vermehrt Rechnung zu tragen. Bezogen auf das Angebot von Dienstleistern für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung erkenne ich in der erlebten Entschleunigung jedoch auch eine Herausforderung: Beratungen mussten verschoben werden, Freizeit- und Ferienangebote fielen weg. Positiv erachte ich hingegen die Entwicklung, dass auch bei Angeboten für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung eine Erweiterung auf digitale Medien erfolgt (ist). Hiervon erhoffe ich mir, dass der Zugang zu digitalen Medien für diese Personengruppe gefördert wird.

Was wäre in der jetzigen Situation außerdem wichtig für die Bewohner*innen?

EM: Eine generelle Antwort ist schwierig. So kann es für eine Person, für welche die nicht absehbare Zeitspanne der Pandemie besonders verunsichernd ist wichtig sein, dass im Alltag bewusst vertraute Situationen und überblickbare Abläufe eingebaut und dadurch „Inseln der Sicherheit“ geschaffen werden. Für eine andere Person kann es hingegen wichtig sein, ihrem Bedürfnis nach sozialen oder körperlichen Kontakten oder einer Liebesbeziehung im Rahmen der bestehenden Massnahmen soweit wie möglich entgegen zu kommen.

Dies setzt also voraus, die zentralen Bedürfnisse von Bewohner*innen möglichst individuell abzuholen oder durch Verhaltensbeobachtung zu erschliessen und dementsprechend auszuloten, welche Angebote im Rahmen der Lockerungen respektive trotz bestehender Massnahmen ermöglicht werden können.

insieme Schweiz ist die Dachorganisation der Elternvereine für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Die Fachstelle Lebensräume ist ein psychologisches Beratungs- und Begleitungsangebot für Menschen mit einer geistigen Behinderung in schwierigen Lebenssituationen und für ihre Angehörigen.